Mama, Papa und unser magischer Weihnachtsbaum

Anlässlich einer Betriebsweihnachtsfeier habe ich eine Weihnachtsgeschichte gestaltet, die in dieser Form nie als Kinderbuch erscheinen würde.
Es wird einfach zu viel Realität geschildert, und das darf in einer deutschen Kinderbuch-Weihnachtsgeschichte einfach nicht sein. 😉

Es beginnt bereits mit den Hauptfiguren, einer Hasen-Familie. Hasen-Figuren sind traditionell eigentlich nur in Ostergeschichten vertreten. In Kinder-Weihnachtsgeschichten sind Bärchen, Füchslein oder Wölfchen etc. gefragt, niemals Hasen.

Aber langer Rede, kurzer Sinn – lest einfach selber. Viel Spass mit …

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Guten Tag! Ich bin der Max und das da sind meine Mama und mein Papa.

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Ich hab sie beide furchtbar lieb, aber an Weihnachten wird’s mit den Beiden sehr schwierig.
Die Mama ist ständig im Stress und der Papa findet alles einen Wahnsinn.
Deshalb hab ich mir dieses Jahr gedacht, dass wir einen magischen Weihnachtsbaum brauchen. Also einen Weihnachtsbaum der dafür sorgt, dass die Mama total ruhig bleibt und der Papa nicht wieder wahnsinnig wird.

Einfach ein Weihnachtsbaum der alle meine –äh- unsere Wünsche erfüllt.

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Standfest muss er sein der Weihnachtsbaum und was besonderes muss er haben. Hab ich mir gedacht.
»Das ist doch ein Wahnsinn«, hat der Papa sofort gesagt, »weil wo willst denn so einen magischen Baum her kriegen. So ein magischer Baum wächst schließlich nicht auf Bäumen.«

Und die Mama hat ihn gleich unterbrochen weil das ein Blödsinn wäre was er da redet.
Weil die Mama nämlich eine Freundin hat, die Luisa, und die würde mit den höheren Mächten in Verbindung stehen. Die könnte in den Karten lesen und auspendeln wo wir den magischen Weihnachtsbaum finden könnten.

Da ist der Papa wütend geworden und dieses esoterische Suppenhuhn Luisa würde ihm nicht ins Haus kommen, weil ihn die wahnsinnig machen würde und schon hatten Mama und Papa den schönsten Streit.
Ich hab dann dazwischen geplärrt, weil es ja mein magischer Baum wäre und den würde es im Gartencenter geben und nur ICH würde ihn erkennen.
Und so haben wir es dann auch gemacht.

Im Gartencenter war die Hölle los und alle schönen Tannenbäume schon ausverkauft. Der Papa hat gemeint es wäre doch ein Wahnsinn sich einen hässlichen Baum in die Wohnung zu stellen, und ich hab ihm gesagt dass der Baum magisch sein muss und von Schönheit keine Rede wäre, weil der netteste Zauberer bei Harry Potter auch total hässlich ausschaut.

Außerdem schaut der Papa in der Früh, wenn er aufsteht auch immer total hässlich aus, und dann wird doch noch was Nettes aus ihm.
Es kommt nur auf eine richtige Rasur an und der Papa hat geantwortet dass ihn das wahnsinnig machen würde, wenn er zu Weihnachten wieder Rasierwasser vom Christkindl kriegt und er hätte lieber ein Zwetschgenwasser.
Ich hab Papa aber gar nicht mehr richtig zugehört, weil, ich hatte ihn entdeckt, meinen magischen Weihnachtsbaum.

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Es war ein ganz kleiner Baum in einem Topf. Er versteckte sich fast hinter den anderen Bäumen.
Ein bisschen schief gewachsen war er, ein paar Zweige fehlten auch, aber er war etwas besonderes.
Das hab ich gleich gesehn.
Er hatte nämlich zwei Spitzen.
Nur magische Bäume haben zwei Spitzen.

Das weiß ich ganz genau, weil ich es mir selber ausgedacht hab.

Den magischen Weihnachtsbaum haben wir dann gekauft.
Und Papa auch noch eine Kettensäge.
Papa hat schon eine Kettensäge, aber eine zweite Kettensäge in Reserve ist immer gut, meinte Papa.
Grade zu Weihnachten.
Zu Hause war ein Höllenlärm, weil Mama ihren Turbomix zum Plätzchen backen eingeschaltet hatte.
Papa hat gesagt der Turbomix-Lärm wäre ein Wahnsinn, und in 30 Jahren hätten wir ein Problem weil dann alle Weiber von ihren Turbomixern stocktaub wären. Und dass er jetzt mal eine ruhige Minute braucht. Und deshalb in seine Werkstatt geht, um in aller Stille seine neue Kettensäge auszuprobieren.

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Ich bin schleunigst mit dem magischen Weihnachtsbaum in mein Zimmer verschwunden, weil ich jetzt viel vorbereiten musste.

Ich hatte nämlich verschiedene Probleme, die ich mit Hilfe des magischen Baums lösen wollte.
Normale Kinder haben ja normal nur zwei Omas und zwei Opas.
Also wenn alle noch leben, mein ich jetzt.
Der Mama ihre Eltern und dem Papa seine.
Bei mir in der Familie ist aber nichts normal.
Meine Omas und Opas haben sich ständig scheiden lassen und dann wieder geheiratet oder sich neue Freundinnen und Freunde gesucht und jetzt hab ich acht Omas und Opas.

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Normal wäre das kein Problem für mich, weil acht Weihnachtsgeschenke für mich viel besser sind als nur vier Geschenke, aber meine Omas und Opas sind untereinander ein bisschen zerstritten und ihre Christkindln reden anscheinend auch nicht miteinander.

Deshalb hab ich letztes Jahr drei gleiche Playstations geschenkt bekommen, viermal das gleiche Buch und dreimal das gleiche Bayern-T-Shirt.
So etwas durfte in diesem Jahr nicht noch mal passieren.
Der magische Weihnachtsbaum musste mir dabei helfen.

Ich hab also als erstes verschiedene Wunschzettel geschrieben.
Damit die Christkindln auch bescheid wüssten von meinen Omas und Opas.

Als das erledigt war, ging ich an mein zweites Problem.
Ich hab nämlich letztes Jahr unsere Hirten geköpft.
Also keine echten Hirten, sondern die Hirten von unserer Krippe.
Ich war so zappelig gewesen, weil mich die drei Playstations ganz wahnsinnig gemacht haben und hab dabei die Krippe umgehauen und dann aus Versehen die Hirten zertrampelt.
Als Ersatz hab ich dann den Batman und den Spider-Man aus meiner Sammlung als Hirten dekoriert und dazu gestellt. Aber das wäre keine Dauerlösung, hat Mama gemeint.

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Nur dem Papa hat’s gut gefallen, aber der hat ein gestörtes Verhältnis zu Weihnachten, meinte Mama, weil Papa drei Geschwister hatte und da wurde die Krippe regelmässig umgehauen. Jahrelang hätten sie Gartenzwerge als Hirten in der Krippe gehabt und das wäre ein Wahnsinn gewesen.

Jedenfalls wünsche ich mir vom magischen Weihnachtsbaum dass ich auf dem Weihnachtsmarkt zwei neue Hirten aus Holz finde und ich würde auch mein ganzes gespartes Taschengeld dafür ausgeben, also ungefähr die Hälfte von meinem Taschengeld, mein ich jetzt.

Aber man soll nicht nur an sich denken, sondern auch an Mama und Papa.
Das Geschenk für die Mama ist ganz einfach. Sie kriegt von mir neue Ohrenstöpsel, wegen ihrem Turbomix.
Ich hab da total schöne Ohrenstöpsel gefunden, mit Blumen dran.
Wenn Mama die in den Ohren stecken hat, sieht es aus als ob ihr Blumen aus den Ohren wachsen.
Und der Papa hat eh gesagt, dass Mama eines Tages ein Wald aus der Tasche wachsen würde, weil sie ständig im Garten herum wuselt und auf der Gartenschau Ableger klaut und dann in ihren Taschen vergisst.

Mein größtes Problem ist das Zwetschgenwasser-Geschenk für den Papa.
Das wollte ich nämlich neulich im Supermarkt kaufen und da hat es Stress gegeben.

Die Kassiererin hat gemeint ich dürfte erst mit 16 das saufen anfangen und ich hab gesagt ich will gar nicht das saufen anfangen, sondern ein Geschenk für meinen Papa.
Da haben alle an der Kasse nur blöd gelacht.
Nur einer hat traurig gesagt dass das früher alles besser gewesen wäre.
Damals hätte ein nettes Hasenkind seinem Papa auch mal ein Zwetschgenwasser kaufen dürfen oder ein Bier holen.
Und dann hat er sich fürchterlich aufgeregt, weil das heute alles eine Sauerei wäre und er würde die Flasche jetzt in meinem Namen kaufen.
Aber da bin ich lieber abgehauen, weil ich keinen Stress mehr an der Kasse haben wollte.

Na ja und die Mama kann ich auch nicht fragen ob sie mir beim einkaufen vom Zwetschgenwasser hilft, weil sie nicht mag wenn der Papa so harte Sachen trinkt.
Was ich nicht verstehe, weil das Wasser doch überhaupt nicht hart ist.

Jedenfalls wünsche ich mir vom magischen Weihnachtsbaum, dass mir die Oma Nummer 7, also die neue Freundin von meinem Opa Nummer 3 hilft, ein Zwetschgenwasser für den Papa zu kaufen.
Die Mama hat nämlich gemeint die Oma Nummer 7 wäre eine echte Schnapsdrossel, die ständig einen verzwitschert, und so jemand brauche ich!
Weil Oma 7 da anscheinend ein Profi ist und sich gut auskennt.

Na und einen Geheimwunsch habe ich auch noch. Den wünsche ich mir schon lange und vielleicht hilft mir der magische Weihnachtsbaum dabei.

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Und dann ist es gekommen, das Weihnachtsfest und es hat auch alles wunderbar geklappt mit meinem magischen Weihnachtsbaum.

Nur zuerst gab’s ein bisschen Schwierigkeiten, weil die blöde Lichterkette aus China alle Sicherungen rausgehauen hat, aber die waren schnell wieder eingeschaltet und dann durfte ich richtige Kerzen verwenden.

Die Eimer mit dem Löschsand hat die Mama auch noch festlich dekoriert, damit sie nicht so auffallen neben dem Baum. Es ist aber bis jetzt nichts abgebrannt.
Nur unsere Katze hat gemeint die Eimer mit dem Löschsand wären jetzt ihr Weihnachtsgeschenk und hat gleich hinein… – aber das wäre jetzt wieder eine ganz andere Geschichte.

Jedenfalls haben wir viel gegessen und Lieder gesungen, die Geschenke haben alle gepasst und sogar die Mama hat ein Stamperl von dem Zwetschgenwasser getrunken, weil die Gans so fett war. Und dann ein zweites Stamperl, weil man auf einem Bein ja nicht richtig stehen kann und ein drittes, weil ja alle guten Dinge drei sind. Die Oma Nummer 7 hat ihr darauf hin das ‚DU‘ angeboten.

Nur der Batman und der Spider-Man stehen immer noch in der Krippe, weil das Zwetschgenwasser so teuer war.
Aber Opa Nummer 3 hat gemeint er würde uns bis zum nächsten Jahr zwei neue Hirten schnitzen.
Und das Jesu-Kindlein ein bisschen farblich auffrischen. Weil der Heiligenschein schon arg käsig wär.

Nur eines hat wirklich überhaupt nicht geklappt – mein Geheimwunsch.

Am ersten Weihnachtsfeiertag haben Mama und Papa mir nämlich gesagt, dass ich im nächsten Jahr ein kleines Schwesterlein kriegen würde.
Total bescheuert, weil ich mir doch sooooo sehr einen kleinen Hund gewünscht hab!
Da hat die Magie von meinem Weihnachtsbaum leider völlig versagt.

🙂

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13 Antworten zu Mama, Papa und unser magischer Weihnachtsbaum

  1. Sigi schreibt:

    A klasse Weihnachtsg´schicht ! ! !
    Ruhige, schöne Feiertage von Donauab
    Sigi

  2. Matthias Mala schreibt:

    Eine richtige Weihnachtsgeschichte, rundum besinnlich. Deren Besinnung aber die Kinderbuchverleger nicht erkennen, weil die überwiegend nur an der Oberfläche fischen und das machen wollen, was beim anderen Verlag gut geht. Und so produzieren sie alle Gutgeher, bis es ihnen wieder schlecht geht, und dann schauen sie, was beim anderen gut geht, damit sie es sich wieder gutgehen lassen können … usw usf

    • Gabriel schreibt:

      Da hast du recht. Es ist eben bei uns wie es ist.
      Im englischsprachigen Ausland trauen sich die Verlage im Bereich Weihnachtsgeschichten für Kinder viel mehr frechere Stories zu veröffentlichen.
      Zum Beispiel die Geschichte von Rudy Rentier, der ausgerechnet zu Weihnachten Verdauungsprobleme bekommt und ständig am furzen ist.
      Eine sehr lustige Story, die nie auf Deutsch erscheinen wird.
      Siehe unter > https://www.albertwhitman.com/book/rudys-windy-christmas/

  3. kelly schreibt:

    so – oder ähnlich!
    unter jedem dach ein *ach*!
    eine spezies fehlt: die geliebten menschen und tiere, die nicht mehr vorhanden sind und auch diejenigen die dement und vergessen im heim leben müssen.
    deine weihnachtsgeschichte könnte ein buch werden :).
    liebe grüsse von der kelly
    PS: im nachhinein denke ich, besser so, ist genug, die allgemeinheit nicht überfordern.

    • Gabriel schreibt:

      Liebe Kelly –
      wenn ich wirklich gewollt hätte, dass die Geschichte als Buch erscheint, hätte ich sie nicht hier ins weltweite Internetz gestellt. Es muss wirklich nicht alles als Buch erscheinen. Ich dachte mir, die Story soll in erster Linie möglichst vielen Menschen Spass machen. 🙂
      Herzliche Grüsse,
      G.

  4. Die Schwalbe schreibt:

    Juhu, schön isses hier 🙂
    „In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks.“ ~Heinrich Heine~
    Liebe Grüße Gerda

    • Gabriel schreibt:

      Freut mich, dass es dir hier gefällt. 😉
      Herzliche Grüsse,
      G.

      • Die Schwalbe schreibt:

        Du bist ein ganz Lieber, zu dem man Vertrauen haben kann.
        Danke, dass du mir geantwortet hast. 🙂
        LG Gerda

        • Gabriel schreibt:

          Na ja also … was soll ich dazu schreiben? Danke, aber manchmal traue ich mir selber nicht über den Weg. 😉
          Herzliche Grüsse,
          G.

  5. Die Schwalbe schreibt:

    „…manchmal traue ich mir selber nicht über den Weg.“
    Meine Reaktion lautet:
    „Der Genius weist den Weg,
    das Talent geht ihn.“ ~Marie von Ebner-Eschenbach~
    LG Gerda

    • Gabriel schreibt:

      Also sobald mir dieser Genius über den Weg läuft, werde ich ihn aufhalten und nach dem Weg fragen! Versprochen! 😉
      LG
      G.

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