Buchgeschichten

Viele antiquarische Bücher „erzählen“ einem ja oft auch noch eine zweite Geschichte. Über den Inhalt des Buches hinaus.
Hier zum Beispiel ein Buchlaufzettel aus der Betriebsbücherei des Justizpalastes Wien 1, von 1957.

Nirgends ist das Buch als aus der Bücherei ausgemustert gestempelt oder gekennzeichnet.
Es sieht immer noch so aus, wie wenn man es grade frisch aus der Bibliothek entliehen haben könnte.
Daher meine Vermutung – nach dem 13. Mai 1959 ist das Buch geklaut worden. Von einem Justizangestellten, denn nur die hatten in die Betriebsbücherei Zutritt.
🙂

Das Böse ist ja immer und überall!
Aber immerhin ein Dieb mit Geschmack – handelt es sich doch um „Aus meinem Leben“ von Käthe Kollwitz.

Ich hab das Buch ganz brav auf einem Flohmarkt in Wien gekauft.
Es ist kein Familienerbstück, falls das jemand vermuten sollte.
😉

Wie ist es also dazu gekommen, dass das Buch der Käthe Kollwitz nach dem 13. Mai 1959 aus der Bücherei verschwand? Bei Menschen mit zuviel Phantasie entspinnt sich sofort eine kleine Geschichte. Eventuell war es ja vielleicht so …

Geklaut hat das Buch ein gewisser Herr Meisel und eigentlich hat er es gar nicht geklaut, es war nämlich quasi ein Versehen.
Herr Meisel arbeitete damals als Nachtaufsicht im Justizpalast.
Eigentlich wäre er viel lieber Maler und Zeichner geworden, aber die Nachkriegsjahre waren keine guten Jahre für Künstler.
Deshalb arbeitete er als Nachtwächter, weil die Familie ja von was leben musste. Sein grosser Traum blieb aber weiterhin die Kunst.
Um sich den faden Nachtdienst zu vertreiben, holte er sich immer ein Buch aus der Bibliothek. Er hatte ja alle Schlüssel des Gebäudes.
Bevor er morgens ging, stellte er die Bücher wieder sorgsam an seinen Platz.
Aber nicht in dieser Nacht.
In dieser Nacht gab es einen Alarm und als der Fehlalarm geklärt war, hat er in seiner Müdigkeit alles von seinem Schreibtisch geistesabwesend in seine Ledertasche gestopft.
Auch das Buch von der Kollwitz.
Zu Hause hat seine Frau die Ledertasche ausgeräumt und das Buch ins Regal gestellt, weil sie eine Ordentliche war und es eh immer furchtbar fand, wenn der Herr Meisel überall seine Bücher herumliegen ließ.
Einige Wochen später findet es der Herr Meisel in seiner Bibliothek.
Zurück bringen kann er es jetzt nicht mehr, denn er hätte es ja nicht mitnehmen dürfen.
Am Abend trifft er zufällig den Anwalt Dr. Trimmel, den er gut aus dem Justizpalast kennt, beim umsteigen am Südtiroler Platz.
Anhand des Buchstaben T hat er den Dr. Trimmel als vorletzten Leser des Buches erkannt und offenbahrt sich ihm über seinen vermeintlichen Diebstahl.
Und der Dr. Trimmel gibt ihm den Rat – „Herr Meisel, so was kommt vor. Erzählens niemandem etwas davon, ich tu’s auch nicht und spendens der Bücherei einfach ein neues Buch.“
Das hat der Meisel dann auch gemacht.
Und zwar einen teuren Bildband über die Käthe Kollwitz.

Ob der Meisel später auch Künstler geworden ist?
Wir wissen es nicht.
Es wäre eine neue Geschichte.
🙂

Wobei mir jetzt beim zweiten durchlesen eine Unlogik in meiner Story auffällt. Meisel hätte das Buch auch nach Wochen einfach wieder heimlich in die Bibliothek zurück stellen können. Er hatte ja alle Schlüssel. Hmm.
Das schreiben von Geschichten ist eben nicht so einfach.

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11 Antworten zu Buchgeschichten

  1. Lemmie schreibt:

    Hallo Gabriel!
    Gleich als ich diese Karte sah dachte ich, dass die Entlehnkarten hier in Wien genau so aussehen. Dann habe ich Deinen Eintrag dazu gelesen.
    Diese Karteikarten dürften genormt gewesen sein, für das Entlehnen von Spielen für Kinder sind auch solche Karten ausgefüllt worden.
    Lieben Gruß
    Lemmie

    • Gabriel schreibt:

      Wieder was gelernt. Ich fand die Buchlaufkarten schon als Kind faszinierend. Sich vorzustellen wer die anderen waren, die das jeweilige Buch vorher gelesen hatten.

      LG!

  2. kelly schreibt:

    rumms!
    eine gute erinnerung an die öffnungszeiten der bibliothek vor ort. ohne hund und garten wird es sonst ein langer winter, mein wiederentdecktes hobby wird auch sonst zu teuer. stricken geht recht gut von hand ;).
    liebe grüsse in die waldregionen bayerns!

    • Gabriel schreibt:

      Genau, überschrittene Ausleihfristen können heutzutage wirklich teuer werden. Also weg mit deinem Strickzeug und hurtig in die Bib.
      🙂

      Liebe Grüsse an die Wasserkante!

  3. Sigi schreibt:

    Hallo, Gabriel,
    mir ging es wie Lemmie, diese Art Zettel kenn ich doch!
    Flohmärkte geben auf diese Art so manche Geheimnisse preis.
    Liebe Grüße stromauf
    Sigi

    • Gabriel schreibt:

      Also in Büchern hab ich schon reichlich interessante Sachen gefunden, die dort z. B. vergessen wurden.

      Liebe Grüße stromauf!

  4. werner schreibt:

    Grüß Dich Gabriel 🙂

    Als Langjähriger Stammgast bei den buechereien.wien.at/ sind mir diese Karten auch noch bekannt. Nun geht da ja alles schon elektronisch.

    Zu Deiner Story, na ja, muß sagen in Dir stecken Talente, sagenhaft 😉
    Zu Käthe Kollwitz noch… gibts heut noch so Frauen ? glaub nicht…

    Gruß und schönes Wochenende
    Werner

    • Gabriel schreibt:

      Na ja, vollen Dank für’s Lob … die Schreiberei gehört ja schon seit ein paar Jährchen zu meinem Beruf. Im alten Orient wäre ich wahrscheinlich Märchenerzähler auf dem Basar gewesen.
      🙂

      Ob’s Frauen wie die Käthe Kollwitz heute noch gibt? Aber ganz sicher! Wenn ich Zeit und Lust hab, stell ich hier einfach mal ein paar vor.

      Viele Grüße in den Zehnten!

      • werner schreibt:

        Märchenerzähler gibts ja auch noch heut 🙂

        Ja und zu den Frauen, gibt da ja eine Politikerin bei Euch die denkt sie is auch so eine 😉

        Zu den schönen Grüßen 😉
        Wie denn nun, stell mich da in die FUZO und sag zu jeden „schönen Gruß vom Gabriel aus Passau“ 😉

  5. kelly schreibt:

    …und dann ein buch lesen mit vielen, vielen seiten, da gehen ganze personen verloren.
    mit der logik hab ich probleme bei filmen, da ist z.b. jemand am verdursten und ein filmteam steht dabei ;). bezügliche bemerkungen kann ich mir dann nicht verkneifen und böse blicke treffen mich. wenn ich nichts sage/merke – ist der film gut gemacht. dir hab ich als glaubwürdige person auch alles abgenommen und nicht hinterfragt.

    meine nichtrepräsentative befragung gab dir auch recht:
    auf einem bauernhof gibt es: kühe, hund, katze, hühner, schweine und einen traktor (in der reihenfolge), kinder im alter von 10-12 jahre.
    liebe grüsse!
    die tante von der wasserkante 😉

    • Gabriel schreibt:

      Liebe Kelly, beim Film ist es wie überall im Leben, nur wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Ich finde es immer lustig wenn in Filmen Fehler auftauchen. Es macht die Illusion menschlich.

      Und Danke für deine nichtrepräsentative Befragung zum Thema Bauernhof. Die Reihenfolge hab ich fast eingehalten. Nur der Traktor kommt schon auf Seite 2 und Ziegen nebst Pferdchen sind auch zu sehen.

      Herzliche Grüße aus dem Hinterwald! 🙂

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